Themenwoche 'Zukunft Alter'
IN KOOPERATION MIT DEM EVANGELISCHEN GERIATRIEZENTRUM BERLIN

Moderne Altersmedizin: Selbstständigkeit als oberstes Behandlungsziel

Menschen über 80 Jahren haben oftmals mehrere chronische Krankheiten, auch wenn sie sonst noch fit sind. Besonders häufig sind

Die Geriatrie wird immer wichtiger, denn die Lebenserwartung in Deutschland steigt kontinuierlich an. Wesentlich hierzu beigetragen haben die moderne Medizin und die besseren Lebensbedingungen in der heutigen Zeit. Im Alter häufen sich zwar Krankheiten. Abhängig von genetischer Veranlagung, Umweltfaktoren, Ernährung und Bewegung können alte Menschen aber trotzdem lange körperlich und geistig fit bleiben.

Jenseits des 80. Lebensjahres haben auch „fitte Alte “ oftmals mehrere Krankheiten, die sich manchmal gegenseitig bedingen und beeinflussen. Besonders häufig treten Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Krebs, Erkrankungen des Bewegungsapparates wie Arthrose und vor allem Demenz auf. Von den über 90-Jährigen ist nahezu jeder Dritte von einer Demenz betroffen.

Inhaltsverzeichnis

Auch im Alter zu Hause leben

Deutschland gehört derzeit zu jenen Ländern, die noch zu wenig darauf eingestellt sind, dass in Zukunft viele alte und wahrscheinlich auch mehr kranke alte Menschen zu versorgen sind. Eine der Einrichtungen, die als Modell der geriatrischen Versorgung, Lehre und Forschung dient und wo moderne Altersmedizin realisiert wird, ist das Evangelische Geriatriezentrum Berlin, das eng mit der Charité kooperiert. Chefärztin und zugleich Leiterin des Stoffwechselzentrums  an der Berliner Charité ist Prof. Elisabeth Steinhagen-Thiessen.

Das Evangelische Geriatriezentrum zeichnet sich durch ein abgestuftes Versorgungskonzept aus. In der Akut-Klinik werden 132 Patienten medizinisch versorgt. Neben der Klinik gibt es ein Pflegeheim für 50 Patienten (man kann die eigenen Möbel mitbringen), eine Beratungsstelle für Fragen rund ums Alter, die für jeden offen steht sowie eine Tagespflege mit zwölf Plätzen und eine Akademie für Fort- und Weiterbildung. Zum Nutzen der Patienten arbeiten viele verschiedene Berufsgruppen zusammen. Neben Ärzten wie Haus- und Fachärzten sind Krankenschwestern und Pfleger, Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Sozialarbeiter, Apotheker, Hospizhelfer und Seelsorger in die Betreuung mit eingebunden.

Wichtig ist, für jeden Patienten den richtigen Weg zu finden: das Verbleiben in den eigenen vier Wänden mit oder ohne Pflegedienst, die Aufnahme durch Angehörige, Betreuung in der Tagesklinik, im Pflegeheim oder das noch relativ selbstständige Wohnen in der betreuten Wohneinrichtung zu ermöglichen. Oberstes Prinzip in diesem Geriatriezentrum ist es, den Patienten wieder zu so viel Selbstständigkeit wie möglich zu befähigen und, wenn möglich, den Patienten so zu behandeln und zu stärken, dass er in der Lage ist, wieder in seinen eigenen vier Wänden selbstbestimmt zu leben. Wichtig ist, dass bei der ärztlichen Behandlung alle Krankheiten und ihre Folgen berücksichtigt werden. Die Rehabilitation ist ein weiteres Aufgabenfeld der Geriatrie. Rehabilitation bedeutet Übungsbehandlung und beinhaltet die Aktivierung des Patienten, das Einüben alltäglicher Bewegungsabläufe, aber auch die Anpassung der Wohnung an die neuen Anforderungen.

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Alte Menschen individuell behandeln

Im Alter kommt es oft zu Funktionseinbußen, etwa beim Sehen und Hören.

Moderne Altersmedizin – was hat man sich darunter vorzustellen? Für Prof. Elisabeth Steinhagen-Thiessen bedeutet dies vor allem Prävention und Rehabilitation, um den Patienten so viel Selbstständigkeit wie irgend möglich zu geben. Prävention heißt zum einen, Krankheiten zu verhindern, zum anderen, eingetretene Krankheiten bestmöglich zu behandeln und einer Verschlechterung vorzubeugen. Rehabilitation bedeutet, mit Krankheitsfolgen und Einschränkungen leben zu lernen und so selbstständig wie möglich zu bleiben. Bei alten Menschen treten nicht nur chronische Erkrankungen auf. Es stellen sich auch vielerlei – altersbedingte – Funktionseinbußen wie vermindertes Seh- und Hörvermögen ein. Der Gleichgewichtssinn  ist nicht mehr so leistungsfähig, und die Muskelmasse nimmt ab.

Zieht sich ein alter Mensch bei einem Sturz einen Knochenbruch zu, heilt dieser nicht mehr so gut wie in jungen Jahren.

Das sind Faktoren, die das Sturzrisiko erhöhen. Stürzt ein alter Mensch und zieht sich dabei einen Knochenbruch zu, so wird dieser Bruch nicht mehr so gut verheilen wie in jungen Jahren, sodass die Bewegungsfähigkeit fortan eingeschränkt sein wird. Bei einem neu aufgenommenen  Patienten wird deshalb zunächst einmal genau analysiert, welche Funktionseinbußen, z.B. im Bereich der Mobilität, der Kontinenz  oder des Gedächtnisses bestehen. Es wird mittels international anerkannter und evaluierter Testverfahren eine umfassende Bestandsaufnahme von Fähigkeiten und Defiziten erstellt. Basierend auf dem Befund, werden dann Behandlungsteilziele formuliert. Medizinisch wird diese funktionsorientierte und nicht krankheitbezogene Betrachtungsweise mit dem Fachausdruck eines geriatrischen Assessments bezeichnet. „Die reine Diagnose sagt nämlich noch lange nichts über den Behandlungsbedarf aus. Das sieht man beim Schlaganfall. Der Schweregrad ist sehr unterschiedlich“, so Prof. Steinhagen-Thiessen. Und abhängig vom Schweregrad sind die Behandlungsziele verschieden. Nicht nur die körperliche „Bestandsaufnahme“, sondern auch die psychiatrische und neuropsychologische Untersuchung sind wichtig. Laut Prof. Steinhagen-Thiessen könnten etwa 60 % aller Demenzpatienten und Alzheimererkrankten behandelt werden, wenn man ihre Krankheit rechtzeitig diagnostizieren würde. Deshalb werden alle EGZB-Patienten, unabhängig davon, weshalb sie ins Evangelische Geriatriezentrum kommen, auch daraufhin untersucht, ob bei ihnen eine Demenz vorliegt.

Damit die Therapie auch zu Hause funktioniert, sind beispielsweise öffentliche Verkehrsmittel in der Umgebung wichtig.

Ein besonderer Stellenwert kommt der Umgebung des alten Menschen, seiner Wohnung, der Verkehrsanbindung, seiner Hilfsmittelversorgung zu. Letzten Endes muss die Therapie nicht im Krankenhaus, sondern zu Hause funktionieren. „Wichtige Einzelheiten sind z.B. bei halbseitiger Lähmung, dass das Bett nicht zu tief sein darf, weil der Kranke aufstehen muss“, bemerkt die Berliner Geriatrie-Expertin. Für wünschenswert hält sie die Einführung des präventiven Hausbesuchs, wie er in der Schweiz bereits praktiziert wird. Dort wird jeder über 70-Jährige einmal im Jahr von einer Fachkraft in seinem häuslichen Umfeld besucht. So mancher Krankenhaus- oder Pflegeheimaufenthalt wird so vermeidbar.

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Erfülltes Leben in den eigenen vier Wänden

Zur modernen Altersmedizin gehört für Frau Prof. Steinhagen-Thiessen auch moderne Technik wie die „Telemedizin“, die die Datenübertragung vom Zuhause des Patienten zum Therapeuten in die Klinik und damit eine „Ferneinschätzung der Therapiefortschritte“ ermöglicht. Sie muss für alte Patienten maßgeschneidert sein und kann z.B. der Prävention von Stürzen, der  Unterstützung des Pflege- und Rehabilitationsmanagements professioneller Dienstleister, der erhöhten Lebensqualität der Patienten sowie der Entlastung von Angehörigen oder der Überwachung von Therapien dienen. In Berlin wurde dazu ein Forschungsprojekt „Moderne Technik und Alter“ gestartet. Sogenannte „Intelligente Kleidung“ kann den Blutdruck, Puls, Atemrhythmus und Blutzucker oder den Ernährungszustand bestimmen. Außerdem kann sie feststellen, ob der Körper ausreichend mit Wasser versorgt ist. Das ist im Alter sehr wichtig, um Verwirrtheit vorzubeugen.

Ist der Herd aus? Daran könnten zukünftig innovative Sensor - Systeme erinnern und so Demenzkranken im Alltag helfen.

In gar nicht allzu ferner Zukunft könnten innovative Sensor - Systeme Demenzkranken den Alltag erleichtern und ihnen mitunter sogar das selbstständige Leben zu Hause ermöglichen. Die von britischen Forschern entwickelte Technik registriert Bewegungen und Tätigkeiten eines Patienten und gibt verbale Hilfestellungen. So erinnert das System etwa daran, den Wasserhahn zuzudrehen oder den Herd auszuschalten. Darüber hinaus kann es Lichtschalter oder Haushaltsgeräte auch direkt ansteuern und an- oder abschalten. Zwei Testsysteme dieses „intelligenten“ Zuhause funktionieren bereits erfolgreich in zwei Londoner Pflegeheimen. Systeme wie dieses helfen Patienten, sicher zu leben und wieder mehr Kontrolle über ihren Alltag zu erlangen. Von besonderem Nutzen wären sie für allein lebende alte Menschen. Ein älterer Mensch mit einer schweren chronischen Erkrankung fühlt sich zu Hause sicherer bzw. kann noch längere Zeit den Wechsel ins Seniorenheim hinausschieben, wenn er weiß, dass „seine Werte“ täglich elektronisch übermittelt und kontrolliert werden. Bei einer Verschlechterung kann der Arzt frühzeitig eingreifen. Außerdem entfällt der aufwendige tägliche Arztbesuch. Eine sensorgestützte Schritterkennung entdeckt frühzeitig Veränderungen des Gangbildes und damit auch eine eventuelle Sturzgefahr. Eine in der Wohnung installierte Kamera kann Stürze sehen und um Hilfe funken, sodass die Betroffenen nicht stundenlang unentdeckt in der Wohnung liegen. Stürze im Alter und dabei auftretende Knochenbrüche führen bislang oft dazu, dass der Patient zum Pflegefall wird. Die technische Hilfestellung kann aber nicht nur die Lebensqualität für Demenzerkrankte und (chronisch kranke) alte Menschen erhöhen, sondern auch Familienangehörige sowie Pflegepersonal entlasten und langfristig gesehen Kosten sparen.

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Bilder: Shutterstock (6)

Glossar

Diabetes mellitus („Zuckerkrankheit“)
Diabetes mellitus bedeutet übersetzt: „honigsüßer Durchfluss“. Chronische Stoffwechselerkrankung, bei der das Blut einen erhöhten Blutzuckerspiegel aufweist. Diabestes mellitus zeichnet sich durch absoluten Insulinmangel (Diabetes Typ 1) oder relativen Insulinmangel (Diabetes Typ 2) aus.

Demenz
Demenz ist ein Syndrom verschiedener Krankheiten, in deren Verlauf es zu einem fortschreitenden Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit kommt.

Geriatrie
Lehre von den Krankheiten des alten Menschen

Hospiz
Einrichtung der Sterbebegleitung

Sensor
Messfühler, Messgrößenaufnehmer